Diagnostik


Wir sehen die Diagnosebildung als einen Prozess des diagnostischen Fallverstehens an, die in die Hilfebeziehung integriert ist. Ziel des diagnostischen Fallverstehens ist es, zu einem zielgerichte-ten und begründeten pädagogischen Handeln zu kommen.

Ob der Aufenthalt eines Kindes oder Jugendlichen im Kinderheim St. Agnes zur Gefahr oder Chan-ce für die weitere Entwicklungsperspektive des Kindes und seiner Familie wird, hängt u.a. davon ab, ob es den Helfern gelingt, einen Anschluss an die subjektiven Hilfeerwartungen von Kindern und Eltern zu finden. Das erfordert zunächst eine grundsätzliche Wertschätzung unterschiedli-cher Sichtweisen, Problemdeutungen und Hilfeerwartungen bei den Beteiligten. Erst in einem zwei-ten Schritt kann ein Aushandlungsprozess geführt werden, der gegebenenfalls mit der Suche nach und Entwicklung eines „kleinsten gemeinsamen Nenners“ zu einem „übereinstimmenden“ Problemver-ständnis kommt. In einem dritten Schritt ist es dann möglich, zu sinnstiftenden Handlungsstrate-gien zu kommen.
Ein hilfe- und prozessorientiertes diagnostisches Vorgehen wird durch die Zusammenführung unterschiedlicher aber gleichwertiger Perspektiven ermöglicht:

  • Die aktuellen subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen der Hilfeadressaten (Kinder und Eltern/ Sorgeberechtigten) sollten sorgfältig erfragt, beschrieben und verstanden werden; Eltern und Kinder müssen offen aussprechen können, wie sie ihre Lebenssituation erleben, einschätzen und welche Ziele und Pläne sie für ihre Zukunft haben.
  • Der diagnostische Blick richtet sich auf die biographische Entwicklung, die Lebensge-schichte der Familie. Ressourcen und bisherige (Problem-) Lösungsstrategien erhalten dabei dieselbe Aufmerksamkeit, wie die Beschreibung kritischer Lebensereignisse.
  • Um zu einer umfassenden Einschätzung zu kommen, ist es zudem unerlässlich, die bisherige Hilfegeschichte der Familie zu rekonstruieren und zu bewerten. Im Brennpunkt steht dabei die Beschreibung und Deutung der Beschaffenheit vorangegangener Hilfen, vor allem unter dem Aspekt der Beziehungsqualität und Dynamik zwischen Familie und Hilfesystemen.
  • Die gewonnen Einsichten, im diagnostischen Fallverstehen, müssen zuletzt (und immer wieder neu) den Hilfeadressaten zur Bewertung vorgelegt werden. Pädagoginnen und Pädagogen erhalten darüber eine Rückmeldung, ob bzw. inwieweit sie die Familie, ihren Lebenszusam-menhang und Hilfekontext „verstanden“ haben.
Diagnostische Erkenntnisse gewinnen wir darüber hinaus über folgende methodische Schritte:

  • Klärung des Überweisungskontextes und des Auftrages: Wer will was von wem?
  • Erstellen eines Genogrammes, durch das wir Aufschluss über die Familienstruktur und (mehrgenerationale) interaktionelle Prozesse erhalten
  • Rekonstruktion und Bewertung bisheriger Hilfeverläufe
  • Erhebung einer medizinischen, entwicklungsgeschichtlichen und problemgebunden Anamne-se, mit deren Hilfe wir Erkenntnisse über die biographische Entwicklung der Familie und über die Erstehung des Problems gewinnen
  • Erstellen einer Netzwerkkarte als Visualisierungsinstrument, durch die wir Aufschluss über die sozialen Beziehungen des Kindes/ Jugendlichen erhalten. Gleichzeitig lassen sich daraus mögliche Ressourcen erschließen, die beim Case-Managements nutzbringend eingesetzt wer-den können
  • Systematische Beobachtung, Dokumentation und Reflexion des Verhaltens und Erlebens des Kindes zu sich selbst, anderen Kindern und PädagogInnen;
  • Interaktionsdiagnostik der Eltern-Kind-Beziehung
  • Einsatz von sozialpädagogischen Diagnosetabellen, mit deren Hilfe wir Erkenntnisse zu den Stärken/ Ressourcen, aber auch zu den Risiken in familiären Systemen kommen
  • Einsatz von Testverfahren
 

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